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Vom Ekelessen zum Menü

Bio-Hackfleisch, das neun Monate nach Verbrauchsdatum noch zu Chili con Carne verarbeitet wird, angeschimmelte Gurken, aus denen noch Gurkensalat gemacht wird und reihenweise Lebensmittel, die mit System kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums eingekauft werden, weil sie dann bis zu 50 % billiger sind – all diese (und noch viele weitere) Missstände offenbarte das Team um Günther Wallraff am Montagabend in der RTL-Sendung „Wallraff deckt auf“ beim Catering-Unternehmen Vitesca, welches auch unsere Grundschule und die Kindergärten in Meißendorf und Südwinsen mit Mittagessen belieferte.

Das Entsetzen bei Eltern, Schul- und Kindergartenleitungen sowie Politik und Verwaltung war natürlich entsprechend groß, denn diese Geschäftspraktiken, die auf dem Rücken der schwächsten Glieder unserer Gesellschaft, nämlich der Kinder, ausgetragen werden, kann man nur als vorsätzlich, perfide und absolut indiskutabel bezeichnen.

So war es auch nur die logische Konsequenz, dass in einem Krisengespräch am Dienstagmorgen die Entscheidung fiel, dass kein Essen der Firma Vitesca bei uns ausgegeben wird. Innerhalb von wenigen Stunden musste aber auch eine Lösung gefunden werden, wie die Kinder noch am selben und in den folgenden Tagen, bis die Entscheidung, wie es endgültig weiter geht, gefallen ist, versorgt werden.

In allen betroffenen Einrichtungen erwiesen sich die Mitarbeiter als engagierte und professionelle Teams, die sofort zu allen Notlösungen, Mehrstunden sowie veränderten Arbeitsbedingungen bereit waren und mit vielen tollen Ideen die Versorgung der Kinder sicherstellten.

Dafür bedanke ich mich auch im Namen der Kinder und Eltern bei allen Beteiligten sehr herzlich. Diese Leistung war nicht selbstverständlich, umso großartiger ist das Ergebnis.

Wie geht es nun weiter? Hier bin ich richtig froh, dass vor zwei Wochen die GfW-Gruppe (Gemeinsam für Winsen) einen Antrag eingebracht hatte, der sich mit dem Thema „Frisch kochen in der Schule“ befasst. Auf Betreiben der Gruppe wurde bereits zwei Tage nach Bekanntwerden der Missstände eine Dringlichkeitssitzung des Verwaltungsausschusses einberufen, in der man sich ausschließlich mit der Frage beschäftigte, ob zukünftig in der Grundschule frisches Essen zubereitet werden soll. In der Sitzung schlossen sich auch alle anderen Fraktionen dem GfW-Antrag an und so wurde einstimmig dafür votiert, den Kinder in der Grundschule ab sofort nur noch frisch zubereitetes Essen zu servieren. Damit verbunden ist zwar eine Preissteigerung von knapp zehn Prozent, doch diese ist bei dieser enormen Qualitätssteigerung sicherlich zu verschmerzen.

In den nächsten Wochen müssen zwar noch einige Geräte und Arbeitsflächen angeschafft werden, um die jetzige Ausgabeküche in eine Vollküche umzuwandeln, doch auch jetzt schon sind wir mit der bisherigen Ausstattung in der Lage, ein vernünftiges Mittagessen zu kochen. Die zusätzlichen Geräte (wie z. B. ein E-Herd) werden aber dazu führen, dass der Speiseplan noch erheblich ausgeweitet werden kann.

Eine besonders erfreuliche Nachricht war für uns außerdem, dass wir die Neuerungen mit vorhandenem Personal hinkriegen werden. Von den Kindern, die den neuen Koch der Grundschule noch aus ihren Kindergartenzeiten in der Allerstraße kennen, wurde mir bestätigt: „Wir kriegen den besten Koch der Welt in unsere Schule!“

Doch darum wird sich die Allerstraße nicht verschlechtern, denn sie bekommen mit ihrer neuen Köchin ebenfalls eine Topkraft für ihre Küche. Und da die beiden Küchenchefs sich kennen werden mit Sicherheit auch fleißig Rezepte ausgetauscht, um die Speisepläne so abwechslungsreich wie nur möglich zu gestalten.

Und natürlich wurde auch für die beiden Kindergärten in Meißendorf und Südwinsen eine Lösung gefunden. Für diese Einrichtungen kochen wir ab sofort mit und liefern das Essen heiß und pünktlich zu den Mahlzeiten an, damit es nicht noch einmal aufgewärmt werden muss.

Ich bin davon überzeugt, dass wir hier die beste Lösung gefunden haben, die überhaupt nur möglich war. Ich bin wirklich stolz darauf, dass in unserer Gemeinde alle Kinder, die ihr Mittagessen in der Grundschule oder einer der kommunalen oder kirchlichen Kindertagesstätten bekommen, ein frisch zubereitetes Mittagessen erhalten.

Diesen Standard gibt es in keiner anderen Gemeinde des Landkreises Celle.

Und nun noch das Sahnehäubchen obendrauf: Soeben ruft mich Herr Jürgen Lindhorst von der JLW AG in Schmalhorn an. Er hatte mitbekommen, was bei uns in der Grundschule gerade vor sich geht. In Absprache mit seiner Familie hat man beschlossen, das „Frisch kochen in der Schule“ zu unterstützen.

Die Unterstützung wird entweder in Form der Kostenübernahme für die Geräte, die noch angeschafft werden müssen, erfolgen oder aber es wird eine ständige Bezuschussung für das tägliche Mittagessen geben, damit es für möglichst viele Eltern bezahlbar ist. Die näheren Einzelheiten werden wir in den nächsten Tagen besprechen.

Sie dürfen mir glauben, dass ich nach den doch sehr turbulenten letzten Tagen einen Augenblick innehalte und über drei Punkte sehr zufrieden bin, nämlich erstens, dass nun alle Kinder optimal mit frischem Mittagessen versorgt sind; zweitens, dass in dieser wichtigen Frage eine einstimmige politische Meinung herrscht und dass es drittens Menschen gibt, die sich spontan einer guten Sache im Sinne aller anschließen und dafür Herz und Brieftasche öffnen.

Dirk Oelmann
Bürgermeister