Das Kriegsende

Der Zweite Weltkrieg brachte über Menschen in der Winser Region enormes Unglück. Seinen Zerstörungen fielen Bauernhöfe, ein Pfarrhaus und auch die Allerbrücke zum Opfer. In großer Zahl starben Menschen oder verloren ihnen nahestehende Personen. Die seelische Bewältigung dieser Jahre sollte für die Überlebenden oft eine lebenslange Aufgabe darstellen.

Anfang April 1945 zeichnet sich das Ende des Krieges ab. Im Süden der Lüneburger Heide erzielen die britischen Truppen rasche Geländegewinne. Ihr Vordringen nach Winsen markiert auch hier den Schlusspunkt der Kriegshandlungen. Teils unter schweren Kämpfen, teils ohne Gegenwehr nehmen die Truppen innerhalb von vier Tagen den Ort und seine Außendörfer ein. Am 13. April dringen sie in Thören, Bannetze und Südwinsen ein, am 14. April in Winsen, am 15. April kontrollieren sie Walle, Stedden und Wolthausen, am 16. April Meißendorf. Formal endet der Krieg in Nordwestdeutschland am 4. Mai mit der deutschen Teilkapitulation auf dem Timeloberg. Er liegt bei Wendisch Evern in der Ostheide, etwa 80 km von Winsen entfernt.

Bild 1: Auf dem Timeloberg unterzeichnen Reichspräsident Dönitz (Mitte) und der britische Feldmarschall Montgomery am 4. Mai 1945 die Teilkapitulation. 

Nur wenige Tage vor der Ankunft der Alliierten, am 8. April, ist Winsen zur Durchgangsstation der Todesmärsche ins KZ Bergen-Belsen geworden: Nach der Auflösung Hannoverscher KZ-Außenlager treibt man ihre Insassen in das Lager Bergen-Belsen. Viele von ihnen überleben diese strapaziösen Anstrengungen nicht. Britische Soldaten befreien das KZ, in dem mehr als 50.000 Menschen ermordet wurden, am 15. April. Zu den psychisch belastenden „Aufräumarbeiten“ im Lager werden in der Folge auch Bürger aus Winsen, Walle u. a. Orten herangezogen.

In diesen Monaten rückt die Rote Armee im Osten vor und Zehntausende Menschen fliehen in Richtung Westen. Das heutige Niedersachsen wird zu einer Hauptaufnahmeregion für die Vertriebenen, und viele der Flüchtenden stranden in Winsen und den umliegenden Orten. Ihre Unterbringung wird zu einer der großen Aufgaben der Gemeinden in der Nachkriegszeit. Am 2. Juli 1945 zählt man 1.082 Geflüchtete in Winsen und den Außendörfern (Gesamtbevölkerung 1950: 7446)

Bild 2: Flüchtlingsfamilie in Nordwestdeutschland

Politischer Neuanfang

Am 19. Juni 1945 findet die letzte Sitzung des Gemeinderates der Kriegsjahre statt, der von der britischen Militärregierung als „nicht mehr statthaft“ erklärt und damit de facto aufgelöst wird. An seiner Stelle wird ein vorläufiges Gremium zusammengestellt, das bis zu den ersten, freien und geheimen Wahlen am 15. September 1946 die Amtsgeschäfte leitet.

In der ersten Sitzung des neuen Rates wird der Landwirt Hermann Constabel (Bild 3: sitzend, 2. v. links) am 20. September 1946 zum Bürgermeister gewählt. Er wird dieses Amt nur übergangsweise ausfüllen: Schon zwei Jahre später folgt ihm Christoph Armbrust, der bis 1968 amtieren wird.

Bild 3: Der zweite Gemeinderat (1948–1952). Chr. Armbrust li. hinter Ratsmitglied Wilhelmine Schwerdtfeger.

Die Befugnisse des Gemeindeoberhauptes sind im Vergleich zu früheren Jahren allerdings stark eingeschränkt: Die Deutsche Gemeindeordnung von 1946 hat das Amt des hauptamtlichen Gemeindedirektors eingeführt, der die Leitung der Verwaltung übernimmt. Erster Amtsträger wird der Pastor Edmund Thies im Oktober desselben Jahres.

Die Winser Bürgermeister erfüllen ihre vornehmlich repräsentativen Aufgaben bis zum Beginn des neuen Jahrtausends im Ehrenamt. Erst der 2001 gewählte Wilfried Hemme wird im Hauptamt auch wieder die Verwaltungsleitung übernehmen.

Bild 4: Edmund Thies übergibt die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger Hermann Schrader (April 1951)

Die Währungsreform

Schon bevor sie am 20. Juni 1948 in Kraft tritt, stellt die Reform eine immense Herausforderung für die Gemeinde und ihre Bürger dar. Wann die alte Währung auf die Deutsche Mark umgestellt wird, ist zunächst noch ebenso unsicher wie der Ablauf des Umtausches und der Kurs der neuen Währung.

Täglich verliert die Reichsmark an Wert, und jeder ist bemüht, das eigene Geld loszuwerden und in stabile Reserven umzutauschen. Waren werden zurückgehalten, der Schwarzmarkt blüht und die Lebensmittelpreise steigen in enorme Höhen. Wegen der ungewissen Lage erhält auch die Gemeinde keine Darlehen mehr. 

Am 21. Juni 1948 ist es dann so weit: Gemeindekassenverwalter Heinrich von Elling und Gemeindedirektor Thies tauschen Reichsmark im Verhältnis 1:1 in Deutsche Mark um. Im Gegensatz zu privaten Guthaben erlöschen die der öffentlichen Hand allerdings.

In Winsen betrifft dies ein Gemeindeguthaben von 18.457,65 Reichsmark. Gemäß einer Umrechnungsformel, bei der das Haushaltsvolumen der letzten drei Jahre zugrunde gelegt wird, erhält Winsen stattdessen als „Erstausstattung“ 6.752,16 DM, gezahlt in drei Raten.

Die neue stabile Währung ermöglicht nun die Vergabe von Krediten und Darlehen. Davon macht die Gemeinde Gebrauch und entwickelt die Infrastruktur des Ortes.